Das GHG Protocol im Zentrum der Dekarbonisierungsstrategie von Unternehmen
Angesichts des Klimawandels engagieren sich immer mehr Unternehmen schrittweise für die Reduzierung ihres CO₂-Fußabdrucks. In diesem Zusammenhang stellt das GHG Protocol (Greenhouse Gas Protocol) ein unverzichtbares Instrument dar, um Treibhausgasemissionen zu messen, zu überwachen und zu reduzieren. Dies gilt insbesondere für die Einkaufsfunktion, die eine zentrale Rolle bei der Dekarbonisierung der Lieferkette einnimmt.
Was ist das GHG Protocol?
Das Greenhouse Gas Protocol, auch als GHG-Protokoll bekannt, bietet einen internationalen Rahmen zur Messung von Treibhausgasemissionen und zur Festlegung von Reduktionszielen. Es umfasst eine Reihe von Standards und Tools, die kontinuierlich weiterentwickelt werden, um Emissionen aus den Aktivitäten des privaten und öffentlichen Sektors sowie aus deren Wertschöpfungsketten zu quantifizieren.
Alle diese Standards berücksichtigen die sechs Treibhausgase, die vom Kyoto-Protokoll abgedeckt werden.
Info: Die sechs Treibhausgase (THG)
- Kohlendioxid (CO₂)
- Methan (CH₄)
- Fluorkohlenwasserstoffe (HFKW)
- Distickstoffoxid / Lachgas (N₂O)
- Perfluorkohlenwasserstoffe (PFKW)
- Schwefelhexafluorid (SF₆)
Das GHG Protocol wurde Ende der 1990er-Jahre vom World Resources Institute (WRI) und dem World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) entwickelt. Darauf aufbauend entstand später die internationale Norm ISO 14064, die sich mit der Quantifizierung und Berichterstattung von Treibhausgasemissionen befasst.
Heute ist das GHG Protocol der weltweit bekannteste Referenzrahmen für die CO₂-Bilanzierung. Bereits 2016 nutzten 92 % der im „Fortune-500“-Ranking gelisteten Unternehmen dieses Instrument direkt oder indirekt zur Veröffentlichung ihrer CO₂-Bilanz über das CDP (Carbon Disclosure Project).
In Unternehmen kommen vor allem zwei Referenzstandards des GHG Protocol zum Einsatz:
- der Corporate Standard, der Anforderungen und Leitlinien für Organisationen bereitstellt, die ein Treibhausgasinventar erstellen möchten;
- der Corporate Value Chain (Scope-3) Standard, der Unternehmen dabei unterstützt, die Emissionen entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette zu bewerten und gezielte Reduktionsmaßnahmen abzuleiten.
Info: Die drei Emissions-Scopes des GHG Protocol
Das GHG Protocol unterscheidet drei Anwendungsbereiche („Scopes“) für die Erstellung einer CO₂-Bilanz:
- Scope 1: direkte Emissionen aus Quellen, die sich im Besitz oder unter der Kontrolle des Unternehmens befinden, z. B. Anlagen oder Fahrzeuge;
- Scope 2: indirekte Emissionen aus dem Verbrauch von Strom, Wärme oder Kälte;
- Scope 3: sonstige indirekte Emissionen aus den Aktivitäten des Unternehmens außerhalb seines operativen Kontrollbereichs, insbesondere Emissionen aus dem Einkauf von Waren und Dienstleistungen.
Die fünf Prinzipien des GHG Protocol Corporate Standard
Laut GHG Protocol muss jede Methode zur Bilanzierung und Berichterstattung von Treibhausgasemissionen auf fünf grundlegenden Prinzipien beruhen.
Relevanz
Ziel ist es, Organisations- und Systemgrenzen so zu definieren, dass sie die tatsächlichen Treibhausgasemissionen eines Unternehmens realistisch abbilden. Dies hängt von den Unternehmensmerkmalen, den Zielen der Analyse und den Bedürfnissen der Nutzer ab.
Vollständigkeit
Alle relevanten Aktivitäten und Emissionsquellen innerhalb der definierten organisatorischen und operativen Grenzen müssen berücksichtigt werden. Eventuelle Auslassungen sind transparent zu machen und zu begründen.
Konsistenz
Um die Entwicklung der Emissionen über die Zeit vergleichen zu können, müssen methodische Änderungen offengelegt werden. So bleibt die Vergleichbarkeit der Ergebnisse gewährleistet.
Transparenz
Die Zuverlässigkeit der berichteten Informationen ist sicherzustellen. Dazu gehört eine sachliche, konsistente Darstellung sowie eine nachvollziehbare Dokumentation der verwendeten Methoden, Annahmen und Berechnungsansätze.
Genauigkeit
Schließlich muss die Emissionsmessung ausreichend präzise sein, um dem vorgesehenen Verwendungszweck zu entsprechen und die Integrität der veröffentlichten Informationen sicherzustellen.
Die Ziele des GHG Protocol
Das GHG Protocol ist ein zentrales Instrument für Organisationen, die ihre Treibhausgasemissionen effektiv messen und steuern möchten.
Ein vereinfachter Ansatz
Mithilfe der bereitgestellten Referenzrahmen, Leitfäden, Tools und Schulungen können Unternehmen Zeit und Kosten bei der Entwicklung von Emissionsbilanzierungs- und Berichtssystemen reduzieren. Gleichzeitig werden Mitarbeitende befähigt, die Zusammenhänge zu verstehen und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Strategisch relevante Informationen
Eine präzise Erfassung der Treibhausgasemissionen ist Voraussetzung für die Entwicklung wirksamer Reduktionsstrategien und die Aktivierung geeigneter Hebel. Zudem ermöglicht sie die Teilnahme an Emissionshandelssystemen.
Ein gemeinsamer Standard
Unternehmen profitieren davon, ihre Treibhausgasinventare im Einklang mit aktuellen und zukünftigen Berichtsanforderungen zu erstellen. Das GHG Protocol ist mit den meisten freiwilligen und verpflichtenden Reporting-Standards kompatibel. Die Nutzung eines international anerkannten Referenzrahmens fördert Vergleichbarkeit, Glaubwürdigkeit und den praktischen Nutzen der Informationen.
Insgesamt bietet das GHG Protocol Unternehmen eine wirkungsvolle Möglichkeit, Transparenz zu stärken, Risiken zu reduzieren und einen Wettbewerbsvorteil im Hinblick auf die Nachhaltigkeitserwartungen ihrer Stakeholder zu erzielen.
Das GHG Protocol erweist sich als unverzichtbares Instrument für Unternehmen, die einen glaubwürdigen und operativ umsetzbaren Net-Zero-Pfad einschlagen möchten. Durch ein besseres Verständnis und eine gezielte Steuerung der Treibhausgasemissionen können sie aktiv zur Dekarbonisierung ihrer eigenen Aktivitäten sowie ihrer gesamten Wertschöpfungskette beitragen. Dabei kommt der Einkaufsfunktion eine Schlüsselrolle zu: Sie ist entscheidend, um Lieferanten aktiv in die ökologische Transformation einzubinden.
Denn nicht zu vergessen: Lieferketten verursachen rund 60 % der weltweiten Emissionen und etwa 80 % des CO₂-Fußabdrucks eines durchschnittlichen Unternehmens. Der Kampf gegen den Klimawandel ist und bleibt eine gemeinsame Aufgabe.