Wie beeinflusst die europäische Taxonomie Unternehmen?

Im Rahmen des Europäischen Green Deals hat sich die Europäische Union (EU) das Ziel gesetzt, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Um dieses Ziel zu verwirklichen, wurden die politischen Maßnahmen in den Bereichen Klima, Energie, Verkehr, Landnutzung und Besteuerung angepasst. Vor diesem Hintergrund wurde 2018 von der Europäischen Kommission die europäische grüne Taxonomie eingeführt. Das zugrunde liegende Regelwerk – die Taxonomie-Verordnung – wurde 2020 verabschiedet.
Ihr Ziel: private Investitionen gezielt in sogenannte „nachhaltige“ Aktivitäten zu lenken und zu mobilisieren. Erfahren Sie die Grundlagen dieses regulatorischen Instruments und wie es sich auf Unternehmen auswirkt.
Was ist die europäische grüne Taxonomie?
Die europäische Taxonomie klassifiziert wirtschaftliche Aktivitäten danach, ob sie einen positiven Beitrag zum Umweltschutz leisten. Ziel dieses Systems ist es, eine gemeinsame Sprache für Unternehmen und Investoren zu schaffen und eine vergleichbare Bewertungsgrundlage bereitzustellen. Langfristig sollen Investitionen gezielt in „nachhaltige“ oder „grüne“ Tätigkeiten gelenkt werden.
Info: Derzeit ermöglicht die europäische grüne Taxonomie die Bewertung der Nachhaltigkeit von mehr als hundert wirtschaftlichen Aktivitäten, die zusammen über 93 % der Treibhausgasemissionen der Europäischen Union abdecken.
Eine wirtschaftliche Tätigkeit gilt als nachhaltig, wenn sie mindestens einem der sechs Ziele der nachhaltigen Finanzierung entspricht, ohne den anderen Zielen erheblich zu schaden. Zusätzlich muss sie Mindestgarantien in Bezug auf Menschenrechte und Arbeitsrecht erfüllen und den in den delegierten Rechtsakten festgelegten technischen Bewertungskriterien entsprechen.
Info: Die sechs Umweltziele der europäischen Taxonomie
- Klimaschutz;
- Anpassung an den Klimawandel;
- Schutz und nachhaltige Nutzung von Wasser- und Meeresressourcen;
- Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft;
- Vermeidung und Verminderung von Umweltverschmutzung;
- Schutz und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt.
Innerhalb der europäischen Taxonomie werden drei Arten wirtschaftlicher Tätigkeiten unterschieden:
- Nachhaltige Tätigkeiten, die direkt zu den Zielen der nachhaltigen Finanzierung beitragen;
- Ermöglichende Tätigkeiten, die die Entwicklung anderer Unternehmen im nachhaltigen Sektor unterstützen;
- Übergangstätigkeiten, die darauf abzielen, die Umweltauswirkungen in Sektoren zu reduzieren, in denen emissionsarme Alternativen aus technologischer oder wirtschaftlicher Sicht (noch) nicht verfügbar sind.
Die europäische Taxonomie unterscheidet sich von anderen Taxonomien weltweit durch den hohen Detaillierungsgrad ihrer Konformitätskriterien sowie durch die Einbeziehung schwer zu dekarbonisierender Sektoren wie der Zement-, Stahl-, Aluminium- oder Wasserstoffproduktion.
Europäische Taxonomie: Welche Verpflichtungen haben Unternehmen?
Der europäische Regulierungsrahmen verpflichtet bestimmte Unternehmen dazu, den „grünen“ Anteil ihrer Tätigkeiten oder eines Finanzprodukts zu messen und transparent offenzulegen – also den ökologisch nachhaltigen Anteil.
Seit dem 1. Januar 2022 waren Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden, die unter die Richtlinie zur nichtfinanziellen Berichterstattung (NFRD) fielen, verpflichtet, Nachhaltigkeitskennzahlen im Zusammenhang mit der grünen Taxonomie zu veröffentlichen. Dieses erste Reporting bezog sich ausschließlich auf die beiden klimabezogenen Ziele (Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel).
Seit dem 1. Januar 2024 ist die Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD), die die NFRD ersetzt, in Kraft. Dadurch wurde die Pflicht zur Offenlegung der taxonomiebezogenen Kennzahlen auf einen deutlich größeren Kreis von Unternehmen ausgeweitet.
Unternehmen müssen nun angeben, inwieweit ihre Tätigkeiten unter die europäische Taxonomie fallen (Taxonomie-Fähigkeit) und ob sie die in den delegierten Rechtsakten festgelegten Kriterien erfüllen (Taxonomie-Konformität). Unternehmen, die nicht in den Anwendungsbereich der CSRD fallen, können diese Informationen freiwillig veröffentlichen.
Darüber hinaus müssen diese neuen Taxonomie-Reportings vier zusätzliche Umweltziele berücksichtigen: den Schutz der biologischen Vielfalt, den Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, die Förderung der Kreislaufwirtschaft sowie die Vermeidung und Kontrolle von Umweltverschmutzung.
Die Auswirkungen der europäischen Taxonomie auf Unternehmen
Die europäische Taxonomie wird Unternehmen in mehrfacher Hinsicht tiefgreifend beeinflussen.
Neuausrichtung der Unternehmensstrategie
Die europäische Taxonomie dient als strategischer Orientierungsrahmen für Unternehmen. Sie erhalten einen klaren rechtlichen Rahmen und definierte Zielvorgaben, um ihre Aktivitäten nachhaltiger zu gestalten. Gleichzeitig bietet sie die Möglichkeit, das eigene Engagement für nachhaltige Entwicklung transparent darzustellen.
In diesem Zusammenhang erklärt Patrice Morot, Präsident von PwC Frankreich und Maghreb: „Die Taxonomie ist ein ambitioniertes und groß angelegtes Projekt. Es handelt sich nicht um eine reine Reporting-Übung. Die Tragweite dieses Vorhabens geht weit darüber hinaus, denn die Taxonomie wirkt als Transformationsmotor für Unternehmensstrategien, indem sie Kapitalinvestitionen gezielt in nachhaltige Aktivitäten umlenkt.“
Investoren anziehen
Dank dieses regulatorischen Instruments können Unternehmen gezielt Investoren ansprechen, die Wert auf Nachhaltigkeit legen. Dies ist eines der zentralen Ziele der europäischen Taxonomie – auch wenn Investoren nicht unmittelbar sanktioniert werden, wenn sie in nicht als nachhaltig eingestufte Aktivitäten investieren. Durch den Ausbau grüner Investitionen wird die Planung und Kapitalbeschaffung deutlich erleichtert.
Transparenz erhöhen
Durch ein solches Reporting können Unternehmen ihre Fortschritte bei der Dekarbonisierung nachvollziehbar belegen. Klare, transparente und von Experten definierte Kriterien helfen dabei, Greenwashing zu vermeiden. Diese Vorgehensweise stärkt langfristig das Unternehmensimage, die Reputation sowie das Vertrauen der Stakeholder – darunter Investoren, Lieferanten und Kunden.
Prozesse optimieren
Schließlich unterstützt die Taxonomie Unternehmen auch bei der Optimierung interner Abläufe. Die klar definierten Kriterien erleichtern Entscheidungsfindung und strategische Planung. Langfristig eröffnen sich neue Geschäftschancen, während gleichzeitig das Risikomanagement verbessert wird.
Wie deutlich wird, fungiert die europäische Taxonomie als eine echte ökologische Kompasslösung. Indem sie nachhaltige wirtschaftliche Aktivitäten anhand klarer und transparenter Kriterien identifiziert, spielt sie eine zentrale Rolle bei der Transformation von Unternehmen und der Entwicklung nachhaltiger Finanzmärkte. Sie verändert insbesondere die Bewertung der Unternehmensperformance im Kontext aktueller ökologischer, sozialer und gesellschaftlicher Herausforderungen und stellt damit eine der ersten Brücken zwischen finanziellen und nicht-finanziellen Informationen dar.
